Glaubenssätze im Erwachsenenalter: Bin ich wirklich ich – oder nur geprägt?
In meiner Familie war es nie leise. Nicht, weil ständig Musik lief oder der Fernseher brüllte – sondern weil Meinungen wie Pingpong-Bälle durch den Raum flogen. Laut, direkt, manchmal witzig, manchmal verletzend, aber immer voller Leidenschaft. Jeder hatte etwas zu sagen, jeder war überzeugt, dass er recht hatte. Und ich? Ich war mittendrin, und zwar von klein auf.
Es war völlig normal, dass wir beim Abendessen vom Thema „Haushalt“ über Politik zu Religion sprangen und irgendwann dabei landeten, ob man Reis mit Ketchup essen darf oder ob das ein Sakrileg ist. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Bei uns ist nie die Frage, ob diskutiert wird, sondern nur, worüber.
Kein Wunder also, dass auch ich früh sehr meinungsstark war. Ich hatte meine Überzeugungen – und ich scheute mich nie, sie zu äußern.
Eigene Meinungen oder in die Wiege gelegte Glaubenssätze – kenne ich mich wirklich so gut, wie ich denke?
Es gibt Menschen, die behaupten, sie kennen sich in- und auswendig. Sie wissen genau, was sie wollen, was sie mögen, was sie ablehnen. Ich dachte lange, ich gehöre auch zu diesen Menschen. Ich war immer sehr meinungsstark, schon als Kind. Ich wusste, was ich wollte, und noch viel mehr, was ich nicht wollte. Und ich habe meine Meinung nie für mich behalten – egal, ob sie jemand hören wollte oder nicht.
Aber irgendwann – ich war Mitte zwanzig – stellte sich mir eine Frage: Sind das wirklich meine eigenen Meinungen? Oder sind es nur Glaubenssätze, die mir in die Wiege gelegt wurden?
In einer schwierigen Lebensphase lernte ich – ganz zufällig – eine Therapeutin kennen. Eigentlich war es ein beruflicher Kontakt, als ich als Personalleiterin tätig war, was sich zur Freundschaft entwickelt hat. Eine einzige Therapiestunde und ein Abendessen mit ihr war mein Wendepunkt. Dazu aber mehr in meinem Artikel über „Verantwortungen die wir nicht übernehmen müssen“.
Jedenfalls hat sie mich zum Hinterfragen angeregt. An dem Tag – mittlerweile sieben Jahre her – hat mein Veränderungsprozess angefangen.
Es hat Jahre gebraucht, zu erkennen, dass vieles, was ich für meine Überzeugungen hielt, schlicht Glaubenssätze waren, die tief in mir verankert wurden. Manche konnte ich ablegen wie zu enge Schuhe, die irgendwann einfach nicht mehr passen. Andere dagegen trage ich bis heute mit mir herum, obwohl ich mittlerweile weiß, dass sie nicht mehr wirklich zu mir gehören. Genau diese Glaubenssätze führen zu Wunden. Weil man diese Schuhe zu lange trägt.
Weil ganz ehrlich: Auch wenn das Bewusstsein da ist, heißt das nicht, dass es leicht ist. Manche Glaubenssätze sind wie Tattoos auf der Seele – selbst, wenn du weißt, dass sie dir nicht mehr gefallen und man sie weglasern will, bleibt der Schatten sichtbar. Und genauso wie beim Lasern, ist es zum einen keine leichte Entscheidung und zum anderen schmerzhaft.
Wenn Glaubenssätze bröckeln: Erste Risse im Fundament
Diese Erkenntnis war für mich wie ein kleiner Erdrutsch. Bis dahin war ich überzeugt gewesen, dass meine Meinungen eben meine sind und auch dass sie richtig sind. Ich habe angefangen eins nach dem anderen zu hinterfragen. Ich dachte auch darüber nach, ob ich nicht öfter einer Meinung mit meiner Familie sein müsste, wenn ich eh deren Meinungen übertragen bekomme. Wenn Glaubenssätze tatsächlich so fest verankert sind – warum waren wir in meiner Familie so selten einer Meinung? Müssten wir nicht, rein logisch, öfter gleich ticken?
Da wurde mir klar: Wir bekommen zwar ein Startpaket an Überzeugungen mit auf den Weg – aber wir suchen uns auch unterbewusst aus, was davon wir behalten und woran wir uns weiter festhalten. Wir umgeben uns unbewusst mit Menschen, bei denen sich etwas in uns zuhause fühlt. Nicht, weil sie uns an unsere Erziehung erinnern, ganz im Gegenteil weil sie etwas in uns ansprechen, das vielleicht schon immer da war, aber nie Raum bekommen hat.
Vielleicht suchen wir uns Freunde, die uns zeigen, wer wir unabhängig von unserer Familie sein können. Menschen, die das stärken, was wir wirklich sind – nicht das, was wir gelernt haben zu sein. Ist diese Erkenntnis die Bestätigung von dem Zitat, was wir alle schon mal gehört haben: „zeig mir deine Freunde ich sag dir, wer du bist“.
Schon in jungen Jahren habe ich gemerkt, dass ich mir meine Menschen aussuche. Ich hing mit Leuten ab, die ähnlich tickten wie ich. Gleichgesinnte. Menschen, bei denen ich mich verstanden fühlte. Schaffen wir uns im Grunde genommen die Umgebung, die uns unsere Überzeugungen zurückspiegelt?
Religiöse Glaubenssätze: Wenn Regeln zu Wunden werden
Besonders stark spüre ich das bei religiösen Themen. Meine Familie ist sehr gläubig – streng gläubig. Ich selbst? Ja, ich glaube auch – aber ganz anders.
Jahrelang fühlte es sich an, als würde ich mit einem inneren Regelbuch leben, das nicht meins war. Es fühlte sich teilweise an wie ein Doppelleben. Ich hatte das Regelbuch nicht geschrieben, aber jede Seite war in mir abgespeichert. Heute kann ich besser unterscheiden: Was ist mein Glaube, meine Spiritualität, meine persönliche Wahrheit? Was hingegen sind alte Muster, die ich einfach übernommen habe, weil sie mir beigebracht wurden? Und noch viel wichtiger, ich kann dazu stehen, ohne mein Kopf darüber zu zerbrechen, ob meine Mutter deshalb traurig sein wird – jedenfalls die meiste Zeit.
Beziehungen & Glaubenssätze: Von der Jugendliebe zum Ehevertrag
Ein Beispiel, wie stark Glaubenssätze unser Leben lenken können, sehe ich immer wieder in Beziehungen. Da sind Paare, die sehr jung zusammenkommen, jahrelang zusammenbleiben – und irgendwann heiraten. Nicht unbedingt, weil sie es tief im Herzen wollen, sondern weil es „der nächste logische Schritt“ ist.
Alle um sie herum heiraten, also heiraten sie auch. Der Glaubenssatz sitzt tief: „Wenn man so lange zusammen ist, dann heiratet man eben.“
Das Problem: Logik ersetzt keine Liebe. Viele dieser Ehen halten nicht lange. Von der Jugendliebe zum Ehevertrag – und wieder zurück.
Und ich frage mich: Waren das wirklich bewusste Entscheidungen? Oder nur das Abhaken eines unsichtbaren Drehbuchs, das jemand anderes für sie geschrieben hat?
Wer bin ich ohne meine Glaubenssätze?
Heute frage ich mich: Wie viel von dem, was wir denken, ist wirklich selbstgewählt? Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich in einem Haus leben, das ich nie selbst eingerichtet habe. Manche Möbelstücke liebe ich, weil sie wirklich zu mir passen. Andere habe ich übernommen, weil sie eben schon da waren. Und bei manchen weiß ich bis heute nicht, ob sie bleiben oder rausfliegen sollen.
Vielleicht sind wir alle eine Mischung: ein bisschen in die Wiege gelegt, ein bisschen selbst gewählt. Aber wo beginnt das eine, wo hört das andere auf?
Ich würde sagen, es fängt oft im Kleinen an:
- Esse ich wirklich gerne so, wie ich esse – oder weil ich es so gelernt habe?
- Verfolge ich meine Karriere, weil es mir Freude macht – oder weil es „erwartet“ wird?
- Will ich wirklich Kinder – oder habe ich einfach den Satz zu oft gehört: „Eines Tages wirst du auch …“?
Diese Fragen können unbequem sein. Aber sie sind notwendig, wenn wir nicht nur Statisten im Drehbuch anderer sein wollen.
Glaubenssätze im Erwachsenenalter hinterfragen – aber wie?
Vielleicht geht es gar nicht darum, alle Glaubenssätze loszuwerden. Manche geben Halt, manche Sicherheit. Aber vielleicht sollten wir uns öfter fragen:
- Welche Überzeugungen habe ich wirklich bewusst gewählt?
- Welche habe ich einfach übernommen, weil sie vertraut sind?
- Und wo will ich mich neu entscheiden?
Denn nur wer den Mut hat, seine eigenen Gedanken von den geerbten zu trennen, kann wirklich frei denken. Und vielleicht ist genau das der Weg, um sich selbst wirklich kennenzulernen: nicht indem man alles verwirft, sondern indem man bewusst auswählt, was bleiben darf. Allerdings ist das nicht der leichteste Weg. Dazu muss man erst mal die eigene Komfortzone verlassen und sich dessen bewusst sein, dass dieser Prozess viel Energie kostet. Ich weiß nicht, wie es gleichgesinnten geht die ähnliches erlebt haben aber für mich persönlich war es die Lebensphase die ich als sehr schwierig empfunden habe.
Wie geht es dir damit? Welche Überzeugungen hast du bewusst gewählt – und welche begleiten dich nur, weil sie dir vertraut sind?
Lass uns austauschen – offen, neugierig und wertfrei. Vielleicht entdecken wir gemeinsam neue Blickwinkel.